Geschichten
Lesen sie einige meiner Kurzgeschichten im Literaturforum oder und der Schreibwerkstatt.
Hier möchte ich ihnen eine meiner Kurzgeschichten vorstellen. In unregelmäßigen Abständen werde ich sie austauschen und durch eine andere erstetzen.
Ich bitte sie zu beachten, dass die Rechte daran allein ich besitze!
Brief an Dich
Mir ist schlecht und es ist deine Schuld. Das ist immer so. Du tut etwas, mir wird schlecht. Eine unachtsame Bewegung und ich spüre die Magensäure in meiner Speieröhre langsam aufsteigen, mein Innerstes verätzen. Unabsichtlich von dir, vielleicht, doch immer heftiger, in einem nie enden wollenden Kreislauf. Du – Ich – Du – Ich. Mein Magen überdreht sich, Achterbahnen, Free Fall Tower. Wie kann ich dir das nur begreiflich machen? Du hörst mich nicht, hörst mir nicht zu, achtest nicht auf subtile Hinweise, heimliche Andeutungen, tiefe Seufzer oder knallharte Fakten. Keine Regung deinerseits, nur meine stetige Übelkeit, die du, vielleicht unabsichtlich, doch mit sicherer Hand, verursachst. Ich möchte schreien und schreie in mich hinein, so dass du mich nicht hören kannst oder gerade hören sollst und doch nichts hörst, und mir wieder schlecht wird. Ich würge und beherrsche mich, schnappe nach Luft und atme tief ein. Du zeigst keine Reaktion in deine alles abwährende Schutzhülle geschlungen, die ich mir auch wünsche, die alles Übel abzuwehren schein und sicherlich, bestimmt auch diese von dir verursachte Übelkeit abwehren könnte. Ein für alle mal. Jeden Tag das gleiche, das gleiche Gefühl, die gleiche intime Grausamkeit, der ich mich nicht erwehren kann, vielleicht gar nicht erwehren will. Ich genieße die Übelkeit. Das Brennen, den Geschmack, die Krämpfe. Ich genieße sie, denn sie kommt von dir und ich genieße alles von dir. Umso furchtbarer ist es, umso hilfloser sehe ich mich in diesem Kreislauf gefallen. Du – Ich – Du – Ich – Du. Hoffnungsvoll erwarte ich das erlösende Wir, das mich ausbrechen ließe aus der Übelkeit und der masochistischen Verehrung jeder Säureattake. Und ich frage mich, wie es wird, wenn es soweit ist, und wir wir sind, Ich und Du, getrennt, gelöst, auf neue Art zusammen, vereint, anders als jetzt, da du mir diese ewige Übelkeit zugedacht hast. Und ich frage mich, ob ich dich lieben kann, trotz dieser Übelkeit, ob ich dich halten kann, trotz diesem Schmerz, ob ich dir eine Mutter sein kann, obwohl ich deine Grausamkeit kenne. Und ich weiß, ich werde, denn selbst den Schmerz liebe ich, wenn er von dir kommt.